Abstract – Dr. Henrike Rost

 

Einblicke in Joseph Joachims Stammbuchpraxis: Künstlerisches Selbstverständnis und individuelle Kommunikation Am 30. Mai 1844 und erneut im September 1871 notierte Joseph Joachim eine „Cadenz“ im Stammbuch von Serena Moscheles (verh. Rosen), Tochter des Klaviervirtuosen und Komponisten Ignaz Moscheles. Die „Cadenz“-Einträge des 12-jährigen und des 40-jährigen Joachim, die sich auf einer Seite befinden, sowie ihre Kontexte könnten unterschiedlicher kaum ausfallen – zugleich repräsentieren sie den Musiker in einem konkreten Umfeld zu verschiedenen Zeitpunkten seiner Karriere. Joseph Joachims Lebenswelt im Europa des 19. Jahrhunderts war von der zeitgenössischen Leidenschaft für Erinnerungsalben und Autographe nachhaltig geprägt. Vor diesem Hintergrund entstanden im Umfeld der künstlerischen Eliten zahlreiche musikbezogene Stammbücher, in denen signierte oder gewidmete Notenautographe, ebenso wie Zeichnungen und Verse, gesammelt wurden. Zentrales Anliegen der Stammbuchpraxis war es, freundschaftliche und gesellschaftliche Kontakte und Begegnungen zur Erinnerung festzuhalten. Joseph Joachim scheint dem Phänomen insgesamt recht zugewandt gewesen zu sein und hatte offenbar auch selbst ein Stammbuch besessen, das bis auf Weiteres als verschollen zu betrachten ist. Mein Beitrag zielt darauf, anhand ausgewählter Stammbuchbeiträge Joseph Joachims aus unterschiedlichen Phasen seines Lebens, Einblicke in die Charakteristik seiner Stammbuchpraxis zu geben. Auffällig sind seine verschiedentlich zu beobachtenden Mehrfacheinträge, die in der Forschung als Renovatio bezeichnet werden. Zudem gestaltete er wiederholt gemeinsame Beiträge mit seiner Frau Amalie, aber auch mit anderen Personen. Dabei sind Joachims Albumblätter nicht nur Ausdruck einer individuellen Kommunikationskonstellation, sondern sie lassen auch Rückschlüsse auf sein künstlerisches Selbstverständnis zu, das seine Identität maßgeblich mitbestimmte.

 

Biografie


Dr. Henrike Rost (Berlin)


Henrike Rost arbeitete als freiberufliche Lektorin, Übersetzerin und Sängerin. Sie studierte an
der Humboldt-Universität zu Berlin Musikwissenschaft und Italianistik. Von 2015 bis 2019 war
sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität
Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold angestellt.
An der Hochschule für Musik und Tanz Köln wurde Henrike Rost im März 2019 promoviert.
Ihre Dissertation zu musikbezogenen Stammbüchern des 19. Jahrhunderts wurde von der
Max Weber Stiftung durch Gerald D. Feldman-Reisebeihilfen sowie durch einen Aufenthalt als
Stipendiatin am Deutschen Studienzentrum in Venedig gefördert.
Ihre Studie wird 2020 unter dem Titel Musik-Stammbücher. Erinnerung, Unterhaltung und
Kommunikation im Europa des 19. Jahrhunderts
im Böhlau Verlag erscheinen.

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